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Aus reiner Neugier: Georg Lind
Georg Lind

Herr Lind, woran arbeiten Sie zur Zeit?

Ich habe im Februar angefangen, ein Buch mit dem Arbeitstitel „Demokratie lernen“ zu schreiben. Dann kamen, Mitte März, die verspäteten, aber umso rabiateren Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung des Corona-Virus (SARS-CoV-2), die wir ja alle kennen: Soziale Distanzregeln, Isolation für Heimbewohner, Maskenpflicht und Schließungen von Kitas, Schulen und Hochschulen sowie von Geschäften, Spielplätzen, Schwimmbädern, Parkbänken usw. Schnell gestrickte Gesetze hebelten Grundrechte aus, die für die Ewigkeit geschrieben schienen. Die Parlamente auf allen Ebenen konnten nur noch beschränkt aktiv werden. Warum diese massiven Einschränkungen unsere Grundrechte, obwohl die Fallzahlen und die Reproduktionszahl bereits Mitte März eine Verlangsamung der Ausbreitung erkennen ließen?
Ich konnte nicht an einem Buch über „Demokratie lernen“ weiter arbeiten, während diese gerade in die tiefste Krise seit ihrer Existenz rutschte. Ich musste herausfinden, warum das so sein konnte. Covid-19 ist eine ernst zu nehmende Krankheit, aber die Zahl der Corona-Toten ist nicht so hoch, dass man von einer „Pandemie“ sprechen muss.
Warum hat kaum einer gefragt, ob die Maßnahmen überhaupt gerechtfertigt und sinnvoll sind? Warum hat sich die Opposition nicht gerührt? Warum wirkten die Medien, als wenn sie gleichgeschaltet wären? Warum hat der Großteil der Bevölkerung die Maßnahmen mit ihren enormen Schäden hingenommen ohne zu fragen?
Das waren auch die Fragen, die ich in meinem Buch — hypothetisch — ansprechen wollte, um zu zeigen, warum wir in unseren Schulen die Fähigkeit der Jugend fördern müssen, selbst zu denken, zwischen wichtigen Gütern abzuwägen und uns mit widerstreitenden Meinungen auseinander zu setzen. Wenn ich ein Zyniker wäre, würde ich die Regierungsmaßnahmen als Werbung für mein Buch ansehen, das ich jetzt mit Verspätung weiter schreiben will.

Welche Eigenschaften muss ein/e erfolgreiche/r Forscher/in haben?

Neugier und Angstfreiheit. Neugier ist eine offenkundige Voraussetzung für einen Forscher. Aber Angstfreiheit? Wer je eine wirklich neue Entdeckung gemacht hat, wird mir bestätigen können, dass sie zwar Freude, aber auch Angst auslöst. Eine Quelle der Angst sind die möglichen Konsequenzen: Was werden die Menschen aus der Entdeckung machen? Die andere Quelle ist die Entdeckung selbst: Die psychologische Testtheorie, die ich im Studium lernen musste, ist nur statistisch begründet, hat aber keine Psychologie als Grundlage. Wir wissen daher gar nicht, was die danach konstruierten Tests wirklich messen. Ich hatte großes Glück, dass mir einer der größten Vertreter der Zunft, Paul Meehl, zustimmte, als ich ihm das vortrug. Sonst hätte ich aus Angst, nicht für voll genommen zu werden, meine Entdeckung vielleicht als einen Denk­fehler abgetan.

Wenn Sie nicht Wissenschaftler wären, was wären Sie dann?

Bestimmt nicht Glasschleifer wie der Philosoph Spinoza. Dazu habe ich kein Talent. Spinoza hätte es besser haben können. Seine jüdische Gemeinde hatte ihm eine großzügige Rente angeboten, wenn er bereit gewesen wäre, zukünftig den Mund zu halten. Es wollte sich aber seine Freiheit nicht abkaufen lassen.
Hätte ich keine Gelegenheit bekommen, Wissenschaftler zu werden, hätte ich mein Hobby des Programmierens zum Beruf gemacht. Ich hatte mir, größtenteils aus Neugier, 1979 einen der ersten richtigen PCs gekauft und mir die Bedienung des Textsystems und das Programmieren selbst beigebracht. Damit habe ich dann ein kleines Programmsystem entwickelt, mit dem ich testen konnte, ob ich mit meinen Lehrmethoden etwas bewirke. Ich war nicht an pauschalen Urteilen meiner Studenten interessiert, sondern daran, ob sie am Ende der Kurse die Fähigkeiten hatten, die ich vermitteln wollte. Da ich nicht an der individuellen Leistung interessiert war, sondern an meiner Lehrfähigkeit, konnten die Tests anonym und kurz sein. Durch die Computerisierung kostete mich die Auswertung kaum Zeit und den Kursteilnehmern machte es offenkundig Spaß, mir bei meiner Selbstbewertung zu assistieren. Ich habe das System in dem meisten Kursen benutzt und konnte dadurch besonders die Effektivität meiner Konstanzer Methode der Dilemmadiskussion (KMDD) zur Förderung der Demokratie- und Moralkompetenz deutlich steigern. Wäre ich nicht Wissenschaftler geworden, hätte ich einen Beruf daraus gemacht, auch andere Professoren und Lehrer für die Selbstevaluation ihrer Lehreffektivität zu begeistern.

Was würden Sie ihrem Ich heute zu Beginn des Studiums raten?

Ich hätte mir geraten, die Uni bzw. den Fachbereich sorgfältiger auszuwählen. Nach zwei Fehlversuchen hat erst der dritte Versuch geklappt. Es gab damals kein Internet, aber das hätte mir auch wenig genutzt. Erst nachdem ich einige Ort besucht und mit Studierenden und Lehrenden dort geredet hatte, war mir klar, dass Heidelberg damals für mich der richtige Ort war, um mein Psychologie-Studium abzuschließen.

Welche 3 Bücher haben Sie beeinflusst?

Schwierige Auswahl. Ich versuche es:
Plato: Sokrates Dialog mit Menon. Sokrates gilt als großer Philosoph. Für mich ist er auch einer der größten Psychologen. Er hatte bereits erkannt, dass alle Menschen moralisch handeln wollen, aber Viele scheitern, weil sie es nicht können.
Mark Twain: Die geheime Autobiographie von Mark Twain. Twain wusste, warum er festlegte, dass sie erst hundert Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wird. Sie ist schonungslos gegen sich selbst und anderen gegenüber. Sie ist aber auch sehr unterhaltsam und gibt interessante Einblicke in seine Schreibkunst.
Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein. Es war schon gespenstig genug, diesen Tatsachenroman aus der Hoch-Zeit der Nazi-Macht (Frankreich überrannt, nach Russland vorstoßend) zu lesen. Ich wachte nachts oft auf, um mich zu vergewissern, dass die damalige alltägliche Angst, als Abweichler zu gelten, längst vorbei war. Aber die Gespenster rühren sich wieder. Es regieren wieder die einfachen Wahrheiten: „Wer beim Einkaufen oder in der Bahn keine Maske trägt, handelt asozial.“ (Der Spiegel). Punkt.
Jeder stirbt für sich allein müsste Pflichtlektüre für alle werden. Vielleicht könnte es eine Rückkehr dieser dunklen Zeit wirksamer verhindern als das Auswendiglernen des Gundgesetzes.

Warum schreiben Sie Bücher?

In vier Jahrzehnten habe ich nur drei Bücher geschrieben. Ich möchte mit meinen Büchern den Menschen Rechenschaft ablegen, dass sie mit ihren Steuergeldern nicht umsonst in meine Arbeit investiert haben. Es sind, meine ich, einige neue Erkenntnisse erreicht und bestätigt worden, die auch Anwendung finden. Die wichtigste Erkenntnis: Hohe Ideale wie Moral und Demokratie sind nicht durch Appelle zu erreichen. Sie können nur dadurch verwirklicht werden, indem wir die Fähigkeit der Menschen fördern, die Konflikte und Probleme, die sich zwangsläufig aus ihrer Umsetzung ergeben, allein durch Denken und Diskussion zu lösen. Sonst greifen sie zu unmoralischen Mitteln wie Gewalt, Betrug oder Unterwerfung unter autokratische Führer, oder sie wenden sich am Ende enttäuscht gegen diese Ideale.

Was lernen Sie gerade, was Sie noch nicht so gut können?

Ich lernen gerade, oder immer noch, wie man neue Erkenntnisse so vermittelt, dass sie verstanden werden — und so, dass sie keine Angst auslösen. Das hat sich als sehr viel schwieriger herausgestellt als die Erzeugung dieser Erkenntnisse.

Apl. Prof. i.R. Dr. Georg Lind. Geboren 1947, verheiratet, drei Kinder. Abitur 1966 in den USA und 1967 in Deutschland. Studium der Psychologie (Diplom 1973 an der Universität Heidelberg) sowie Philosophie, Volkswirtschaft, Linguistik und Biologie. Promotion zum Dr. rer. soc. über die Messung der Moralkompetenz an der Universität Konstanz und zum Dr. phil. habil. an der Katholischen Universität Eichstätt. Wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 23 Bildungsforschung an der Universität Konstanz, Aufbau des Computerlabors der Sozial- und Geisteswissenschaften und bis zum Ruhestand Lehre im Bereich der Pädagogischen Psychologie. Zwischenzeitlich: Gastprofessuren an der University of Illinois in Chicago, an der Universidad de Monterrey/Mexiko und an der Humboldt-Universität. Forschungsaufenthalt am Center for Moral Education, Harvard University. Verschiedene Forschungs- und Lehraufenthalte in Brasilien, Chile, China, Kolumbien, Mexiko und Polen. Ko-Leitung des Projekts "Demokratie und Erziehung in der Schule" (DES) 1984 - 1990 in Nordrhein-Westfalen. Dreijähriges Trainingsprojekt "Förderung der Moralkompetenz" von Offizieren im Auftrag des Generalinspekteurs der Bundeswehr.
Georg Lind: Moral ist lehrbar! Wie man moralisch-demokratische Fähigkeiten fördern und damit Gewalt, Betrug und Macht mindern kann
Georg Lind: How to Teach Moral Competence
Georg Lind: Ist Moral lehrbar? Ergebnisse der modernen moralpsychologischen Forschung