
Die Migration nach Turkestan, die vor dem Hintergrund der gravierenden wirtschaftlichen Umwälzungen als ein mehr-dimensionales Phänomen betrachtet werden muss, brachte innerhalb der bäuerlichen Gemeinschaft kulturspezifische Deutungs- und Sinnbildungsprozesse hervor. Durch alle Fraktionen und über die ethnischen Grenzen hinweg folgten die Auswandernden einem erstaunlich ähnlichen Konzept: Zahlreiche bäuerliche Projektionen eines als richtig angesehenen Lebens im Rahmen der angestrebten Beheimatung kristallisierten zum Imaginationsraum Turkestan. Die bisher in der Literatur einseitig durch religiöse Motive erklärte Mennonit:innen-Auswanderung erscheint in einem solchen Lichte ebenfalls als Folge dieses Vorgangs.
Die bäuerlichen Erwartungen konnten zwar keinesfalls alle in Erfüllung gehen, gleichwohl übten sie eine reale Wirkung auf die neue Heimat aus: Selbst wenn die Auswirkungen dieser Erwartungen durchaus einen Mitauslöser für den Aufstand der indigenen Bevölkerung von 1916 darstellten, erhoben sie Turkestan zum Raum des Möglichen, einem stabilen Narrativ, das noch bis in die 30er Jahre der Sowjetzeiten hineinwirkte.
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